Freigeistige Organisationen als Gegenstand der Religionswissenschaft: Typen, Strategien, Widersprüche

Diesen Monat erschien die Dissertation von Stefan Schröder (Universität Bayreuth), Freigeistige Organisationen in Deutschland. Weltanschauliche Entwicklungen und strategische Spannungen nach der humanistischen Wende (Berlin: De Gruyter). Wir konnten ihn für ein Interview gewinnen. Und auch wenn unklar ist, für welchen Anteil der Menschen ohne Zuordnung in der REMID-Statistik die freigeistigen Verbände wie der Humanistische Verband Deutschlands (HVD), der (größtenteils deutsche) Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) oder die Giordano-Bruno-Stiftung (GBS) ein Sprachrohr sein könnten, die Strategien und weltanschaulichen Konzepte, um die es im Interview gehen wird, strahlen weit über die 0,05 Mio. an Mitgliedschaften und 0,35 Mio. geschätztes Umfeld.

 

 

Vielleicht war es gar kein so schlechter Zufall, dass ich nach einer Paralyse wegen der aktuellen politischen Ereignisse die Kritische Theorie für mich wiederentdeckte und ihre aktuelle Rezeption nachschlug. So entdecke ich in den Unterlagen, die Du mir zur Vorbereitung geschickt hast, das Stichwort der “Dialektik der Aufklärung”. Du sagst, es gebe in Deutschland keine einheitliche freigeistige Bewegung. Wie ist das gemeint und was hat die Aufklärung damit zu tun?

Ich habe mich im Rahmen meiner Dissertation der freigeistigen Szene explorativ genähert und dabei festgestellt, dass es auf organisatorischer Ebene zwei Idealtypen gibt, die sich weltanschaulich nicht unähnlich sind, trotzdem jedoch strategisch gegeneinander arbeiten und deshalb nicht als einheitliche Bewegung begriffen werden können. Bei allen weltanschaulichen Ähnlichkeiten lassen sich aber auch auf dieser Ebene einige Unterschiede zwischen den beiden Organisationstypen ausmachen. Das Stichwort „Dialektik der Aufklärung“ bekommt in diesem Zusammenhang für meine Analysen seine Bedeutung. Ich habe es als theoretischen Code für die Ansicht des einen – sozialpraktischen – Organisationstypus verwendet, um dessen kritische Reflexion von Rationalisierung und (technischem) Fortschritt zu fassen. Dieser Anschauung folgend sind Fortschritt, Aufklärung und Rationalisierung nicht per se positiv zu interpretieren, sondern müssen stets weltanschaulich „begleitet“ und – wo nötig – auch begrenzt beziehungsweise gebremst werden. Beispielhaft wird häufig Naturzerstörung oder die Entwicklung von Atomwaffen als Folge technischen Fortschritts angeführt, um zu verdeutlichen, dass es an einer solchen weltanschaulichen Kontrolle mitunter fehlt. Der andere – weltanschaulich-agonale – Organisationstypus hingegen sieht das Problem gerade darin, dass Aufklärung, Fortschritt und Rationalisierung von weltanschaulichen – v.a. religiösen – Anschauungen begrenzt und gebremst werden, die zum Teil jahrtausendealt und den entsprechenden fortschrittlichen Entwicklungen deshalb nicht gewachsen sind. GBS-Vorstand Schmidt-Salomon spricht in diesem Zusammenhang von einer „Zeit der Ungleichzeitigkeit“ und warnt nicht vor der Entwicklung von Atomwaffen per se, sondern davor, dass die falschen, weltanschaulich „unreifen“ Menschen diese unter ihre Kontrolle bringen könnten. Die Lösung wird entsprechend nicht darin gesehen, Aufklärung und Fortschritt weltanschaulich einzugrenzen, sondern vielmehr zu ent-grenzen und auch auf weltanschauliche Entwicklungen zu übertragen.

Büchertisch der Giordano-Bruno-Stiftung auf einer Tagung zum Evokids-Projekt in Gießen. © Stefan Schröder.

 

Holen wir doch noch etwas weiter aus. Warum hast Du eigentlich “freigeistig” als Oberbegriff gewählt? Warum hast Du Dich als Religionswissenschaftlicher für dieses Thema und diesen Zugriff entschieden?

Es gibt drei Merkmale, an denen ich den Begriff „freigeistig“ wesentlich festmache: Eine naturalistische Weltsicht, eine herausfordernde Haltung gegenüber dem jeweiligen religiösen Establishment und – gleichzeitig – eine ausgeprägte Religionsbezogenheit (daraus erklärt sich die religionswissenschaftliche Relevanz des Gegenstandes), die je nach Konstellation unterschiedlich ausgeprägt sein kann – z.B. kritisch, dialogorientiert, imitierend oder kooperativ. Organisationen, die ich von dieser Begriffsbestimmung ausgehend als „freigeistige Organisationen“ fasse, entstehen in Deutschland Mitte des 19. Jahrhunderts. Wichtig für ihre Genese waren zunächst freireligiöse Reformgemeinden, die sich von beiden Großkirchen abspalteten und deren Mitglieder ein Leben frei in ihrer Religion führen wollten. Sie verstanden sich also zunächst noch als „religiös“ (einige tun es bis heute) [zumeist als „freireligiös“; Anm. C.W.] – trotzdem trafen die drei oben genannten Bestimmungsmerkmale von „freigeistig“ bereits auf sie zu. Aus diesem Grunde habe ich die im wissenschaftlichen Diskurs häufig verwendeten Begriffe „nichtreligiöse“ oder „säkulare Organisationen“ ebenso verworfen wie den Begriff „Freidenker-Organisationen“. Die Freidenkertradition entsteht etwas zeitversetzt zu den freireligiösen Gemeinden seit etwa 1870. Sie greift die kirchenkritischen Ansichten der Freireligiösen auf, weitet sie jedoch zu einer allgemeinen Religionskritik aus – Freidenker wollen frei von Religion leben. Aus beiden Traditionen – freireligiös und freidenkerisch – setzt sich das zusammen, was ich als „freigeistig“ beschreibe. Heute nennen sich diese Organisationen häufig „humanistisch“ – das ist in Deutschland allerdings erst seit etwa 1980 der Fall und ergab sich aus einem Austausch mit „humanistischen“ Organisationen im Ausland, v.a. Nordamerika, Skandinavien, den Niederlanden und Belgien, deren Selbstverständnis man für sich neu aufgriff. Ich nenne diese Entwicklung für die organisierte freigeistige Szene in Deutschland „humanistische Wende“. Der Begriff „Humanismus“ bietet sich deshalb meines Erachtens an, um die freigeistige Szene seit dieser Wende zu beschreiben – vorher war er in ihr und zu ihrer Beschreibung aber vollkommen unüblich.

Schließlich nennen viele Wissenschaftler die von mir untersuchte Szene auch einfach „atheistisch“. Begriffslogisch umfasst „Atheismus“ aber lediglich das Abstreiten der Existenz einer oder mehrerer Gottheiten oder – wenn man es weit auslegt – transzendenter Prinzipien. Das spielt zwar in allen Organisationen, die ich untersucht habe, in der ein oder anderen Weise eine Rolle, ist aber für keine von ihnen ein entscheidendes, geschweige denn zu ihrer Beschreibung hinreichendes Merkmal. Einige lehnen es als Selbstbezeichnung sogar ausdrücklich ab, weil es naturalistische Gottesbegriffe gebe, mit denen man sich durchaus identifizieren könne.

„Freigeistig“ ist ein Begriff, der seit der Entstehung der Organisationen, die im Fokus meiner Arbeit stehen, emisch und etisch zu ihrer Benennung verwendet wird. Er reicht somit historisch weit genug zurück und umfasst sowohl die freireligiöse als auch die freidenkerische Traditionslinie. Zudem ist er umfassend genug, um nicht einzelne Aspekte, wie den Atheismus, überzubetonen.

 

Schlussszene einer Jugendfeier des HVD im Berliner Friedrichstadtpalast. © Stefan Schröder.

 

Du unterscheidest einen “sozialpraktischen” und einen “weltanschaulich-agonalen Organisationstypus”. Welche Rolle spielt da eigentlich der Naturalismus? Oder anders gefragt: Würden Geisteswissenschaftler*innen eher zum HVD gehen und warum?

Wie schon gesagt, ist Naturalismus ein Merkmal, das alle freigeistigen Organisationen in Deutschland auszeichnet. Sie sind zwar mehr oder weniger materialistisch, sind sich jedoch dahingehend einig, dass es auf der Welt „mit rechten Dingen“ zugeht, Naturgesetze also niemals überschritten werden können.

Ein wichtiges Merkmal für das Selbstverständnis freigeistiger Organisationen ist der Anspruch der „Wissenschaftlichkeit“ eigener Ansichten. Demzufolge geht Weltanschauung zwar immer auch über Wissenschaft hinaus, darf jedoch nicht in Widerspruch zu ihr geraten. Dabei gibt es aber Unterschiede hinsichtlich der Disziplinen, die jeweils rezipiert werden. Der weltanschaulich-agonale Organisationstypus tendiert sehr stark in die Richtung der „harten“ Naturwissenschaften. Um zum Beispiel Soziales zu erklären, wird hier gern auf die Soziobiologie und nicht auf die Soziologie rekurriert. Kultur- und Geisteswissenschaftler erscheinen eher suspekt, weil sie zu viel relativieren. Der sozialpraktische Organisationstypus, dem auch der HVD nahesteht, ist für diese Disziplinen offener. Es gibt aber auch viele Geisteswissenschaftler*innen in den Reihen weltanschaulich-agonaler freigeistiger Organisationen und zahlreiche Naturwissenschaftler*innen, die HVD-Mitglieder sind. Generell lässt sich hier also kein Urteil darüber fällen, wer welcher Organisation nähersteht.

 

Nur der “weltanschaulich-agonale Organisationstypus” wird als “säkularisierend” interpretiert. Wieso – und was heißt dann “Säkularisierung”?

Zunächst einmal sei gesagt, dass die These, freigeistige Organisationen würden stets religionskritisch und somit säkularisierend wirken, im wissenschaftlichen Diskurs über sie stark verbreitet ist. Zu Rate gezogen wird dabei i.d.R. ein Säkularisierungsverständnis à la Casanova, das unterschiedliche Ebenen von Säkularisierung (gesellschaftliche Differenzierung, Privatisierung von Religion, Rückgang individueller Religiosität) differenziert. Dieser These einer säkularisierenden Funktion freigeistiger Organisationen entspricht der weltanschaulich-agonale Organisationstypus, weil er das Ziel verfolgt, weltanschauliche Diskurse religionskritisch zu beeinflussen, für eine laizistische Reform des deutschen Religionsrechts streitet und somit religiöse Stimmen aus der öffentlichen und politischen Sphäre zurückzudrängen versucht. Der sozialpraktische Organisationstypus jedoch vertritt andere Ansichten und verfolgt eine gegensätzliche Strategie: Das Religionsrecht soll beispielsweise nicht laizistisch reformiert werden – man möchte stattdessen selbst davon profitieren, indem man sich in dieses inkorporieren und den Kirchen somit rechtlich gleichstellen lässt. Damit festigt man gleichsam Arrangements (wie z.B. die „hinkende Trennung von Kirche und Staat“), die das Gegenteil von Säkularisierung im oben genannten Sinne bedeuten.

 

Leider hat der Pastor Eichhorn die seiner Ansicht nach bestmögliche Wahl in seiner Erörtung “Ueber die Wahl zwischen Naturalismus, Atheismus und Christenthum” (1812) schon in der Wahl der Schrifttypengröße verraten.

 

Wenn ich mir vergegenwärtige, was „Naturalismus“ um 1800 bedeutet hat, etwa in dem Werk „Ueber die Wahl zwischen Naturalismus, Atheismus und Christenthum“ von Daniel A. Eichhorn (1812), nämlich eher einen von Spinoza und anderem beeinflussten Pan(en)theismus, erscheint es mir wichtig, ein Fragezeichen an die historische ideengeschichtliche Linie zu setzen. Auf der anderen Seite ist es verständlich, dass moderne Naturalist*innen eine Geschichtsschreibung des Naturalismus betreiben, welche ihnen wichtige Vordenker*innen versammelt. Einen „Naturalismus“ im engeren Sinne würde ich selbst eher um 1900 verorten: der Übergang von mechanistischen, aber weiterhin spekulativen Weltbildern zu biologisch und physikalisch „modern“ grundierten Philosophien, der Wiener Kreis, die entsprechende Kunstepoche.

 

Die Diskussion verschiedener Naturalismus-Konzepte würde an dieser Stelle zu weit führen. Die Art von naturalistischem Weltbild, um die es mir geht, liegt bei allen untersuchten Organisationen vor…

 

Ich erläuerte dieses Element nur deshalb so ausführlich, nicht weil ich unbedingt den HVD verteidigen wollte, aber ich sehe da Parallelen zu aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen und finde es interessant, könnten wir diese Linie vertiefen. Worauf ich hinaus will: Müsste man nicht eher davon sprechen, dass unterschiedliche Wege des skeptischen Denkens beschritten wurden, zugespitzt zunächst in den geisteswissenschaftlich inspirierten Philosophien im Unterschied zu naturwissenschaftlich inspirierten Philosphien? Es gibt doch auch eine progressive nicht- oder anti-naturalistische Tradition. Gerade der u.a. marxistisch beeinflusste Strukturalismus und erstrecht unter Poststrukturalimus, Postmoderne verhandelte Philosophien, die eingangs genannte Kritische Theorie, sie arbeiteten sich kritisch („anti-essenzialistisch“) an naturalistischen Positionen ab. Historisch waren es vor 1933 jene Freidenker-Verbände, welche sich sozialistisch oder ‘bürgerlich’ positionierten, abspalteten und wiedervereinten.

 

Machen wir es praktisch: Während mein Beitrag „Darf man den Islam kritisieren?“ (Dezember 2014) aus dem IBKA-Umfeld mit „Demagoge oder Dünnbrettbohrer?“ (Mai 2015) beantwortet wurde – und ich hier eher Sympathien mit rigorosen Islampolitiken sehe, steht der HVD doch eher für eine ‚links-grüne‘ Integrationspolitik, mit ihrem tatsächlich ja auch irgendwo religionswissenschaftlich beeinflussten ‚weiten‘ Religionsfreiheitsbegriff. Und diese kooperative Form eines säkularen Staates, der mit Religionsgemeinschaften Verträge macht, muss nicht als regressiv bewertet werden. In der REMID-Statistik kommentieren wir die dortigen Angaben, dass auch bestimmte linke Gruppen als organisierte Konfessionsfreie begriffen werden können, darunter die „interventionalistische Linke“: “Die religiösen Fundamentalismen unserer Zeit, sie bleiben unsere unerbittlichen Feinde, auch in Zeiten und Konstellationen, in denen sie in Feindschaft zur imperialen Ordnung stehen. […] Doch den Schlüssel zum Verständnis werden wir weniger in der Religionskritik finden als in den Niederlagen und dem Scheitern emanzipatorischer Gesellschaftsentwürfe”. Könnte man es also nicht auch so sehen, dass sich etwas verschoben hat, um es im Stil der Letztgenannten zu fragen: Hat sich der ‚Hauptwiderspruch‘ im freigeistigen Milieu eventuell verändert, weg von Religionskritik?

 

Auch was die Rolle der Religionskritik für Selbstverständnis und Praxis freigeistiger Organisationen betrifft, gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den beiden von mir rekonstruierten Organisationstypen. Für den weltanschaulich-agonalen Organisationstypus ist Religionskritik noch immer zentral und auch eine Art Existenzlegitimation. Religion spielt als „das Andere“, als Antagonist, eine erhebliche Rolle für die Identitätspolitik weltanschaulich-agonaler freigeistiger Organisationen. Typisch ist hier ein dichotomes Denken des binären Codes säkular/religiös in Gegensätzen wie Wissenschaft vs. Religion, rational vs. irrational, fortschrittlich vs. rückschrittlich, vernünftig vs. gefährlich. Stephen LeDrew, der freigeistige Organisationen in den USA erforscht, verortet dieses Denken ideengeschichtlich in der Tradition des von ihm so bezeichneten „wissenschaftlichen Atheismus“. Religion wird hier zunächst rein intellektualistisch als rückschrittlicher Erkenntnisweg betrachtet. Wir kennen das aus der Wissenschaftsgeschichte ja noch aus dem 19. Jahrhundert von evolutionistischen Vertretern wie Tylor oder Spencer.

Diese Rückschrittlichkeit wird von weltanschaulich-agonalen freigeistigen Organisationen dann auch auf die ethische Urteilsfähigkeit bezogen. Religiöse Ansichten sind demnach nicht nur falsch, sondern auch gefährlich. Johannes Quack spricht hier von einem „epistemic-moral entanglement“. LeDrew beschreibt für die USA, wie so argumentierende Organisationen spätestens seit 9/11 in eine mitunter sehr undifferenzierte Islamkritik und einen politischen Konservativismus verfallen sind, der für die freigeistige Tradition eher untypisch ist. Das religiöse Gegenüber waren zuvor vor allem christliche Akteure, die häufig zum politischen Establishment gehörten. Mit dem Einzug der Islamkritik in die Szene ist sie gleichsam für Positionen des rechten politischen Spektrums geöffnet worden. LeDrew spricht davon, dass sich in den USA eine „Atheistische Rechte“ formiere. Wenn man die Publikationen des sogenannten „Neuen Atheisten“ Sam Harris liest, ist dem nur zuzustimmen. Solche Extremfälle findet man in der freigeistigen Szene Deutschlands eher selten. Auch die GBS kritisiert aber zum Beispiel entschieden eine „dogmatische Linke“, die die Stiftung in der Öffentlichkeit bloß denunzieren wolle, und es werden islamkritische Positionen entwickelt, für die aus dem politisch rechten Spektrum zumindest Applaus kommt – auch wenn sich die Stiftung ausdrücklich z.B. von der AfD abgrenzt. [Anm. Red.: Man siehe auch den Beitrag Wenn die “Theologie” der Religionskritiker*innen auf “konfessionslose” Islambilder trifft].

Der HVD geht hier einen anderen Weg. Das hat schon ganz praktische Gründe. Der Verband ist vor allem in Berlin groß, wo 70% der Bevölkerung sich als säkular verstehen. Religion hat im Alltag der meisten Menschen kaum noch eine Relevanz. Ein Verband, der sich auf Religionskritik konzentriert, wird da eher als etwas merkwürdig empfunden. So hat der HVD stattdessen ein Programm ganz praktischer Lebenshilfe und Beratung entworfen. Für Großteile seiner Praxis, z.B. seine Hospize, Familienzentren oder Kitas, spielt Religionskritik, wenn überhaupt, eine sehr untergeordnete Rolle. Das lässt sich auch ideengeschichtlich herleiten. LeDrew verortet Organisationen wie den HVD in der Tradition des von ihm so bezeichneten „humanistischen Atheismus“, der in marxistischer Tradition steht. Demnach wird der „religiöse Überbau“ dort, wo er als Opium des Volkes wirkt, zwangsläufig verschwinden, wenn man nur die gesellschaftlichen Verhältnisse ändert. Anzusetzen ist also nicht bei Religionskritik, sondern bei einer allgemeinen Gesellschaftskritik. Dabei können dann progressive religiöse Akteure sogar helfen und werden vom HVD durchaus auch als Kooperationspartner begriffen. Religionen sind für den HVD somit keine Antagonisten, die Grenzen zwischen säkular/religiös verschwimmen hier vielmehr, sie spielen einfach keine entscheidende Rolle.


Danke für das Interview.

Das Interview führte Christoph Wagenseil.

Ein Kommentar:

  1. Der deutsche Freidenker Verband mit immerhin 3000 Mitgliedern wurde vergessen. Dieser bezieht sich explizit auf den dialektischen Materialismus und den Marxismus.

    Weiterhin glaube ich nicht, dass die “kritische Theorie” eine große Akzeptanz unter Materialisten genießt, stellt sie doch das logische Denken überhaupt in Frage. Materialisten gehen jedoch davon aus, dass die Wirklichkeit grundsätzlich erkennbar ist, die logischen Schlüsse über sie also ebenfalls richtig, bzw. folgerichtig sind.

    Jeder der das leugnet stellt Wissenschaft überhaupt in Frage, denn Wissenschaft ist mehr als Meinung, sondern beansprucht unabhängig von der Meinung einer einzelnen Person wahr zu sein.

    Hier arbeitet sich ein Materialist – ebenfalls in einer Doktorarbeit – an den Behauptungen Adornos ab:
    https://www.farberot.de/texte/wiss/phil/PETER_DECKER_Adornos_Methodologie_krit_Sinnsuche.pdf

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